Der amerikanische Arzt Dr. Andrew Taylor Still (1828 – 1917) begründete im Jahre 1874 in Kirksville, Missouri (USA), die Osteopathie.

Er reagierte damit auf den Mangel an Kenntnissen der damaligen Schulmedizin. Machtlos hatte er als Arzt mit ansehen müssen, wie seine erste Frau und vier seiner Kinder an Krankheiten wieMeningitis und Lungenentzündung starben. Deshalb suchte Still nach einem neuen Verständnis von dem, was Medizin sein sollte.

Still hatte in jahrelanger Forschung erkannt, dass der Mensch in Gesundheit und Krankheit als Einheit reagiert. Er kannte die Wechselwirkungen der Organsysteme und er kannte die Naturgesetze. Er hatte sowohl Erfahrungen als sogenannter "Bonesetter" (Knocheneinrenker), als auch als Magnetiseur nach dem Vorbild von Franz Anton Mesmer (dt. Arzt, 1734 - 1815) gesammelt. Außerdem war er im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 als Arzt in Feldlazaretten tätig, wo er seine chriurgische Erfahrungen erweiterte.

Auf dieser Grundlage entwickelte Still das ganzheitliche Konzept einer Behandlung, die ausschließlich mit den Händen erfolgt. Daraus entstand die Osteopathie, als alternativmedizinisches Behandlungskonzept. 1874 verkündete Still seine neue Medizin und gab ihr den Namen “Osteopathie”. Der zusammengesetzte Begriff leitet sich aus den altgriechischen Wörtern “Osteo” für Knochen und “Pathie” für Leiden her. Mit den Knochen hatte Still seine Studien begonnen, um die Leiden seiner Patienten lindern zu können.

Stills Erkenntnisse bilden bis heute das Fundament der osteopathischen Medizin:

 

→ die grundlegende Bedeutung von Bewegung für alle Strukturen im Körper
→ die gegenseitige Abhängigkeit von Struktur und Funktion
→ die Betrachtung des Organismus als untrennbare Einheit
→ dessen Fähigkeit zur Selbstheilung
 
Die berufspolitische Entwicklung

 

Still hatte bald mehr Patienten als er behandeln konnte. So beschloss er Osteopathie zu unterrichten und gründete 1892 in Kirksville, Missouri (USA) die American School of Osteopathy (heute Kirksville College of Osteopathic Medicine). Seine Osteopathie fand große Zuspruch. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie in immer mehr amerikanischen Bundesstaaten rechtlich anerkannt. Neue Colleges entstanden und bildeten zunehmend mehr Studenten zu Osteopathen aus. Gleichzeitig gab es massive Bestrebungen der Ärzteverbände, die Osteopathie einzuschränken. Erst in den 1960er Jahren wurde dieser Streit beigelegt. Seitdem gilt die Osteopathie in den USA als allgemein anerkannt.

Heute praktizieren etwa 54.000 Osteopathen in den USA ihren eigenständigen Beruf. Sie führen den Titel D.O., Doctor of Osteopathy, und sind Ärzten (Medical Doctors, MD) gleichgestellt. Daher verschreiben Osteopathen in den USA Medikamente, spritzen und führen Operationen durch. Die manuelle Diagnose und Behandlung des Patienten steht bei ihnen meist nicht im Vordergrund.

In Europa nahm die Osteopathie eine andere Entwicklung. Ein Schüler von Still, der Engländer John Martin Littlejohn, brachte die Osteopathie nach Europa. In London gründete er 1917 die bis heute existierende British School of Osteopathy (BSO). Nach England erreichte die Osteopathie im Jahre 1951 endlich auch das Festland, wo in Paris die Ecole Francaise d‘Osteopathie entstand. Die Schule wurde 1965 nach England verlegt, wo sie vier Jahre später den Namen European School of Osteopathy (ESO) erhielt. In Europa waren es vor allem die Therapeuten, die in der Osteopathie einen neue wirksame Form der manuellen Therapie sahen. So entwickelte sich hier die Osteopathie als rein manuelle Form der Medizin weiter - ganz so, wie sie von A. T. Still, einmal begründet worden war. Seit 1993 ist der Beruf des Osteopathen in England als Hochschulstudium rechtlich anerkannt. In Belgien und Frankreich zählt die Osteopathie zu den allgemein anerkannten Formen der Medizin. Praktiziert wird die Osteopathie in nahezu allen europäischen Ländern.

Die Weiterentwicklung als Medizin

 

Hatte sich Still vor allem mit dem Bewegungsapparat, also mit Knochen, Gelenken, Muskeln und Sehnen beschäftigt (parietaler Bereich), entwickelten andere Osteopathen das Konzept der Osteopathie fort. Ein Schüler von Still, William Garner Sutherland (1873 – 1954), stellte 1939 das Phänomen der primären respiratorischen Bewegung vor. Dabei handelt es sich um eine sehr feine, eigenständig pulsierende Bewegung. Sie kann am Schädel, am Steißbein, aber auch anderen Strukturen des Körpers erspürt werden und steht nicht im Zusammenhang mit Herzschlag oder Atmung.

Die primäre respiratorische Bewegung bildete fortan für Osteopathen ein wichtiges Instrument zur Diagnose und Therapie. Sutherland erweiterte damit die Osteopathie um den so genannten kraniosakralen Bereich.

Eine zusätzliche Ergänzung erfuhr die Osteopathie in den 1980er Jahren. Die französischen Osteopathen Jean-Pierre Barral und Jacques Weischenck beschäftigen sich ausführlich mit den inneren Organen und wie diese osteopathisch untersucht und behandelt werden können. Sie erweitern die Osteopathie um den so genannten viszeralen Bereich.

Auch heutzutage wird in der Osteopathie viel geforscht. Deshalb wird sich die Osteopathie auch künftig zum Wohle des Patienten weiterentwickeln.